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Wieso arbeiten wir in Jobs die wir hassen?

Als Kind bin ich aufgewachsen mit einer Mutter, die kaum und stellenweise gar nicht berufstätig war. Sie konnte mich vom Kindergarten abholen, hat Pausenbrote geschmiert und war für die gesamte Administration meines Aufwachsens verantwortlich. Mein Vater hingegen zog morgens los, hat irgendwas mit Leuten und Versicherungen gemacht und ist abends nach Hause gekommen, als ich meist längst im Bett war.

Eine ‘Arbeit’ zu haben bedeutete in erster Linie Geld zu verdienen, damit wir drei Mal im Jahr in einem mittelmäßigen 4-Sterne Hotel im Süden Europas urlauben konnten (in dem sich meine Eltern dann meist fürchterlich stritten). Außerdem hatten wir ein Einfamilienhaus auf dem Dorf mit zwei Autos in (und vor) der Garage.

Ob der Beruf meines Vaters nun seine Berufung oder nur Mittel zum Zweck war interessierte niemanden. Hat man mich als Kind, Jugendliche oder junge Erwachsene gefragt, was ich einmal werden will, so war meine Antwort stets: Erfolgreich. Denn erfolgreich zu sein bedeutete Geld zu haben. Geld bedeutete Sicherheit und einen Platz in der sonnigen Mitte unserer Gesellschaft. So oder so ähnlich war es wahrscheinlich in vielen privilegierten Mittelstandshaushalten der unbeschwerten 90er.

Da ich natürlich nicht wusste, welche Berufe und Berufungen es draußen in der großen Welt geben kann, bin ich entsprechend blind in ein recht eintöniges Allerwelts-BWL-Studium geraten. Dort lernte ich viele andere Kinder solcher Mittelstandsfamilien kennen, die ebenfalls Geld als Motivator in die Wiege gelegt bekamen. Geld, für das es sehr hart zu arbeiten galt, denn sonst war es nicht verdient. Paradoxerweise hatten nämlich viele von uns nicht die (teure) Brille derjenigen auf, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden. Viel mehr hatten wir Eltern, die es häufig in erster Generation zu etwas Wohlstand gebracht hatten und dies in Form von Statussymbolen zum Ausdruck brachten: BMW, Urlaube, Doppelhaushälfte und fragwürdig bunte Markenklamotten.

Die Maske der möglichen Berufungen fiel langsam, als die ersten Kommiliton*innen unbezahlte Praktika machten bei Beratungsfirmen, Anwälten, Steuerberatern oder Großkonzernen. So wurde eine erste Perspektive geschaffen, was nach dem Abschluss auf mich warten könnte. Ich machte es ihnen nach und bewarb mich bei einer Bank, immernoch ohne Idee, was dabei thematisch spannend sein könnte. Doch: Ich brauchte nun mal einen gut bezahlten Job! Denn nur mit einem solchen Job verdiene ich etwas, bin ich wertvoll genug. Das ‘ob’ und ‘wie viel’ war also bereits Motivator Nummer eins bei meinem Berufseinstig, nicht das ‘was’.

Meine Emotionen zwischen 9 und 17 Uhr.

So muss es doch sicher vielen von uns gehen. Wie sonst erklären wir uns die Existenz langweiliger Nischenberufe wie SAP-Berater*in, Recruiter*in oder Zahlungsverkehrsspezialist’*in (no offense)? Nur ein Bruchteil von uns wird in jungen Jahren gesagt haben: Geil, ich brenne für eine Software mit einem grau-blau-depressiven Screen und habe so richtig Bock, Expert*in darin zu werden! Nein, ich glaube es gab eine Hülle und Fülle von Bürojobs mit ausreichend Gehalt, um uns bildungsaffinen Absolvent*innen die Chance auf eine geldgesegnete Karriere zu versprechen.

Wir dümpeln also solange in einem dieser Jobs dahin, bis wir so viel Expertise angesammelt haben, dass es längst zu spät ist wieder rauszukommen (ähnlich wie zu lange Mafia-Mitglied zu sein, da kommt man wohl auch nicht mehr so einfach raus). Wir lobpreisen diese gut bezahlten ‘Karrieren’ on- und offline in Karrierenetzwerken und glauben an einen Stellenwert des Berufs gleich zwischen Papst und Hirnchirurg*in. Kombiniert mit finanzieller Sicherheit wird es Jahr für Jahr schwierieger, doch noch das heiß ersehnte Schmuck-Business aufzuziehen, von dem man als 16-jährige geträumt hat.

Das Sahnehäubchen für mich ist der massive Zeitraub, den Bürojobs betreiben. Mit Anfang 30 haben wir nun lustigerweise meist das inflationär genutzte Wort ‘Manager’ im Jobtitel und das Essentielle, was wir nicht mehr managen können, ist unsere eigene Lebenszeit. Es wird erwartet, dass wir ständig erreichbar sind, die berühmte ‘Extrameile’ gehen und dankbar sind für die Entlohnung, die wir für die Aufopferung erhalten. Monatlich dann ein kurzes Glücksgefühl, dass alle Rechnungen (beim teuren Italiener ums Eck) bezahlt werden können und weiter geht’s.

Das alles erklärt natürlich nur bedingt, warum wir tagein tagaus Dinge tun, die wir abgrundtief hassen: Noch eine Präsentation bauen, noch ein Meeting mit lauter Arschlöchern abhalten, noch mehr Budgettabellen befüllen – you name it! Meine Theorie: Trotz der täglichen Schrott-Aufgaben wissen wir, dass unsere Eltern nun mächtig stolz darauf sind, dass wir nach ihrer Definition greifbar erfolgreich sind. Wir leben sicher und stabil von einer Gehaltsabrechnung zur nächsten und sind genauso risikoavers wie die Generation zuvor. Sind wir also immernoch nicht näher an der Berufung, sondern stecken weiterhin in einem Beruf fest? Die nächste Generation wird diese Frage hoffentlich besser beantworten können.

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New work, old jerk – Was taugt das New Work Konzept?

What is new about new work is the idea that work can be something wonderful.” – Frithjof Bergmann, Begründer der New Work Bewegung 

Gemeinsam mit rund 200 weiteren Kolleg*innen warte ich in der virtuellen Lobby eines Live-Webcasts, den mein Arbeitgeber veranstaltet. Um People Leadership soll es gehen und darum, ‘die jungen Talents‘ nachhaltig zu motivieren. Warum jemand jetzt immer unbedingt ein ‘Talent‘ sein muss, ist mir ein Rätsel. Denn insbesondere im Büroalltag fallen ja allerlei Tätigkeiten an, für die es nicht unbedingt Talent braucht. Im Gegenteil, ein Büro-Talent zu sein klingt fast schon beleidigend. “Hey, also du hast wirklich ein besonderes Talent dafür, die täglichen Pausenbrötchen für die Chefetage zu bestellen.” “Wahnsinn, wie toll du die Formen und Farben in deiner Powerpoint Präsentation anordnest. Du bist ein Naturtalent!” SAID (almost) NO ONE. EVER. Der Duden schreibt: 

Talent ist eine Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, besonders auf künstlerischem Gebiet befähigt. 

Für all die Powerpoint-Picassos lasse ich den Begriff also noch gelten. Aber junge Erwachsene, die nach dem Studium oft ohne Langzeitplan einen Job in einer Unternehmensberatung annehmen, um den monatlichen Gehaltsscheck abzustauben, als ‘Talents‘ zu betiteln – weit hergeholt.  

Zurück zum Webcast: Es ist gerade mal 8 Uhr und ich bin ehrlicherweise nur dabei, um mich über Feedback-Fristen und Beförderungsrunden zu informieren, damit mir niemand nachsagt, ich sei schlecht aufgestellt in Sachen People Leadership Dingens. Doch dann: Der Denkanstoß für diesen Blogartikel. 

Es geht los. Ein cool aussehender HR Typ mittleren Alters setzt sich an den Home Office Nachrichtenpult. Im Hintergrund ein Regal voller Bücher. Durch das verpixelte Bild ist nicht zu erkennen, ob es sich hierbei um Fifty Shades of Grey oder um echte Fachliteratur handelt. Live zugeschaltet ist auch Pia-Sophie-Anna-Magdalena (ka), die Kollegin, die wohl wegen ihres Talents für das Weiterklicken von Folien aufgestanden ist (Randnotiz: DER neue Schwanzvergleich des Home Office Territorialverhaltens-Dschungels! – “Ehm, next slide now, please!“).  

Purpose, Entrepreneurship, Enablement – was soll das eigentlich bedeuten? 

Der HR Typ stellt also die Agenda mit fast philosophisch anmutender Wortwahl vor. Es soll um purpose gehen, um guidance und empowerment. Eingebettet in das vielerorts gepriesene New Work Konzept sollen die jungen Talents ihren inneren Entrepreneur hervorholen und sich entsprechend entwickeln. Und wir, wir sollen das Ganze begleiten, enablen und mit Feedback-Sahnehäubchen versehen. Doch mal ehrlich: Kann die stundenlange Anwendung von Excel und Powerpoint jemals mehr als work sein? Die Telefonate, in denen “Strategieberater” den North Star finden wollen und die Buzzword Happy Hour einläuten, jemals echtes Entrepreneurship hervorrufen? I DOUBT IT (oder eher: Ei daut it)!  

New work, old jerk?! 

Fakt ist nämlich: Mache ich um 18 Uhr Feierabend, ist mir ein “Na, heute ‘nen halben Tach Urlaub?” so sicher wie das Amen in der Kirche. Stimmt ein Ergebnis nicht mit der Vorstellung unseres Chefs überein, ist die Stimmung düster und das Feedback hat weniger einen Enablement-Charakter sondern etwas von pubertärem Türenknallen. Obwohl sich fast jedes halbwegs am Puls der Zeit agierende Unternehmen New Work auf die Fahne ihrer internen als auch externen Kommunikation schreibt, ist oft wenig Inhalt vorzuweisen. Die jungen Talents sind in ihrem Alltag weiterhin konfrontiert mit der expliziten oder – noch schlimmer – impliziten und intrinsisch eingepflanzten Erwartungshaltung, sich die Nächte um die Ohren schlagen zu müssen, wenn mal wieder eine häufig belanglose Präsentation auf Hochglanz poliert werden muss. Wenn der Chef stolz erzählt, welche armen Arbeitstiere er morgens um halb vier telefonisch noch erreicht hat, weil wir ja alle mit demselben spirit ans Werk gehen. Selbstverständlich wird so auch die Kollegin, auf deren Computer eine vermeintlich überlebenswichtige Excel-Datei schlummert, nachts aus dem Schlaf geholt (und nein, es war nicht die Formel des Corona-Impfstoffs). 

Was schnell klar wird: Marketing, HR, PR und all die anderen humanitären Auffangbecken in großen Organisationen – alle können New Work herbeisehnen. Solange die Arbeit, die täglich getan werden muss, jedoch nicht im Ansatz mehr Talent, Kreativität oder besondere menschliche Voraussetzungen erfordert, kann nicht jede*r den Beruf zum Hobby und das Hobby zum Beruf machen. Ich glaube sogar, dass die Glaubenssätze der New Work Bewegung in breiter Masse möglicherweise ungeniert zu Mehrarbeit, Frustration und Orientierungslosigkeit führen können. Denn wie schön ist es zu glauben, dass wir das ja alles freiwillig machen, da wir unseren persönlichen purpose in unser life integrieren und work eben viel mehr als work ist. Und wie traurig auf der anderen Seite, wenn sich dieses Gefühl bei einem selbst nicht recht einstellen will.  

Better Work  

Wenn work also für die allermeisten von uns einfach work bleibt, dann wird sie in den seltensten Fällen zu etwas Wundervollem. Was sie aber im ersten Schritt sicher werden kann, ist besser. Better Work, das bedeutet für mich weg von “Na, halben Tach Urlaub?!“-Kommentaren hin zu neuen Blickwinkeln auf Stärken, Schwächen und Bedürfnisse. So gelobe auch ich Besserung und befolge drei mir dank des Webcasts auferlegte Glaubenssätze: 

“Das war schon immer so!” ist absolut tabu 
Nur weil ich durch eine – achtung – ‘harte Schule‘ gehen musste zu Beginn meiner Karriere, bedeutet dies nicht, dass andere es dank mir auch müssen. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich einem recht simplen menschlichen Denkmuster folge: Weil ich es erleiden musste, musst du es auch – circle of life. Schwachsinn! Erfolgreich sein geht auch anders. Nämlich ohne nächtliche, unbezahlte Überstunden und unrealistische Deadlines. Ich kann zwar nicht dafür sorgen, dass Excel-Tabellen, Budgetdateien und Präsentationen plötzlich Spaß machen, jedoch kann ich zu einer Akzeptanz beitragen, dass Arbeit nicht immer in Rekordtempo erledigt sein muss. Da kann man sich dann um 18 Uhr auch schon mal’nen halben Tach freinehmen… (Spaaaaaß)  

Echte Verantwortung übertragen  
Mikro-Management und Skepsis sind wie Zecken, nach welchen man sich regelmäßig selbst genauestens absuchen muss. Wir können sie außerdem nur durch bewusste und zielgerichtete Gegenangriffe eliminieren. Bei einer dieser Selbstreflexionen stelle ich fest, dass auch ich davon befallen bin. Ich erledige Aufgaben viel lieber “mal eben” selbst, als Kolleg*innen damit zu betrauen. Mein Verhalten führt so zu Frust bei allen Beteiligten: Hoher Arbeitsaufwand bei mir und das Gefühl, nicht richtig gebraucht zu werden, bei den anderen.  Verantwortung zu übertragen bedeutet meist, sich aus der eigenen Komfortzone heraus zu bewegen und die Kontrolle zumindest für einen begrenzten Zeitrahmen in andere Hände zu legen. Was hilft es also, wenn ich mal wieder Aufgaben bei mir behalte, die ich ebenso gut abgeben könnte? In solchen Momenten versuche ich mich ab sofort daran zu erinnern, dass ich mich selbst auch nur weiterentwickeln konnte, weil jemand anders mir Verantwortung übertragen hat ohne doppelten Boden. Denn was kann im schlimmsten Fall passieren? Richtig, nicht viel – die Welt geht im Normalfall nicht unter. 
Fail fast, fail often – dieses Motto gilt es demnach zu befolgen: Ich will, dass die anderen viele Dinge ausprobieren können, gegebenenfalls scheitern und es dann einfach nochmal versuchen.   
 

Leistung wird belohnt, keine Leistung nicht direkt bestraft  
Es wird nicht gern gehört in unserer Leistungsgesellschaft, doch nicht jeder Mensch ist clever, effizient und ein ‘High Performer‘ auf jedem Gebiet, vor allen Dingen nicht im beruflichen Kontext. Es gibt eben auch die ‘Normal Performer‘, die zufrieden sind mit durchschnittlicher Leistung bei durchschnittlichem Zeitaufwand und durchschnittlicher Entlohnung. Da das Wort Durchschnitt oft negativ konnotiert ist, fühlen sich viele Menschen dadurch nicht angesprochen. Ist aber halb so wild, in einigen Bereichen durchschnittlich zu sein, finde ich. Deshalb sollte eine freiwillig erbrachte und auf Stärken basierende überdurchschnittliche Leistung zwar belohnt werden, sie sollte jedoch nicht als Voraussetzung gelten und diejenigen bestrafen, die den Anforderungen nicht gerecht werden können.  
Ein Beispiel: Nur weil der Kollege spät abends noch fehlerfreie Budgetanalysen schickt, setze ich dies nicht automatisch bei allen anderen voraus und will auch besagten Kollegen zukünftig nicht an diesem Standard messen. So vermeide ich Enttäuschung und sogar Bestrafung von vermeintlich nicht erfüllten Zielen. Die Messlatte also einfach mal tiefer hängen, so lebt es sich im Job, aber auch privat, plötzlich viel entspannter (gilt übrigens auch für die Ansprüche an sich selbst…).  

Die Arbeit als solche wird also vielleicht nicht unbedingt sinnstiftender, zumindest nicht unmittelbar und schon gar nicht basierend auf einem theoretischen Konstrukt wie der New Work Bewegung. Ich plädiere jedoch stark für den entspannteren Umgang mit Leistungsdruck und den Ansprüchen an uns selbst, hin zu Better Work und vielen echten halben Tagen Urlaub… 

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Der ultimative Soundtrack für eintönige Bürotage

Ich sitze im Büro, es ist recht laut. Mit recht laut meine ich den Geräuschpegel eines Kirmeszelts in den Spielpausen der Blaskapelle beim Frühschoppen. Auch der Geruch im vermeintlich hippen Großraumbüro ist vergleichbar, darum geht es aber heute nicht.

Die Stimmung wird hitzig, auch ohne Alkohol. Dabei ist es gerade erst elf Uhr vormittags. Der inkompetente Sitznachbar flucht in seiner Telefonkonferenz auf die von ihm wahrgenommene Inkompetenz seiner Kollegen (the circle of life?!).

I am pissed off as hell! Haltet euch an den blauen Hintergrund mit schwarzer Schrift! Pretty basic, oder?” (Okay, Cowboy!)

Unsere ‘Techie-Ecke‘ diskutiert lautstark über Fachbegriffe, die ich in meiner Position theoretisch schon einmal gehört haben sollte. Theoretisch.

How do we link this ajdsfaweiohf to the ncweWÄn#aisue?” (Häh?)

Die neue Kollegin lauscht den Kenntnissen des weis(s)en Mannes Mitte 50 mit einem Lächeln, das bei genauerem Hinsehen desinteressierter nicht sein könnte (in der Phase waren wir doch alle mal).

Und schau, wenn du hier drauf drückst, dann druckt der Drucker automatisch. Ganz einfach!” (wtf.)

Und ich spüre es: Gleich kommt jemand auf die Idee, mich anzusprechen. Mich nach meiner Meinung zu fragen und in eine lange Diskussion zu verwickeln. Darauf falle ich nicht rein. Nicht heute. Ich greife in meine zu teure Tasche und hole es raus, das unumstrittene Statussymbol des kleinen Beraters (dicht gefolgt von der BahnCard 1.Klasse): Noise! Cancelling! Headphones! Markenware versteht sich, sonst bleibt uns die 1. Klasse verwehrt.

Nicht nur, dass ich jetzt so tun kann, als sei ich in einer ebenso wichtigen Telefonkonferenz wie der Typ neben mir, ich kann gleichzeitig Musik hören. Musik, die den quakenden Quälgeist am Nachbartisch sympathisch wirken lässt, die mit passiv-aggressiven Beats meine Stimmung widerspiegelt und die im Extremfall maximal viele Schimpfworte pro Minute beinhaltet. Hier sind sie also, meine Top 5 Playlists für das Festzelt…. ääh….. Büro, um dem Wahnsinn für kurze Zeit zu entkommen.

Apache207 – Treppenhaus
Ich trete paarmal auf und kassier’ sechsstellige Summen.‘ (28 Liter, Apache 207) – Ich wiederum trete auch jeden Tag auf und kassier’nen knapp zweistelligen Stundenlohn und einen krummen Bürorücken. Außerdem: ‘Ich treibe mich rum auf der Straße. Ab und zu bricht mal ‘ne Nase.‘ (Fame, Apache 207) – Ich treibe mich rum im Büro, ab und zu bricht mal meine Moralvorstellung. Aber egal, mein Favorit vor wichtigen Meetings, um das gebildete Ego zu pushen. Traut euch!

Hozier – Wasteland, Baby
Montags klingelt der Wecker nach schlafgestörter Nacht, die Laune ist im Keller ebenso wie die Augenringe. Im ICE noch schnell die Chance nutzen, sich mit dem eigenen Schicksal abzufinden und einzutauchen in melancholisches Selbstmitleid. Dazu Hozier in Dauerschleife mit meinem Favoriten: ‘There’s no plan, there’s no kingdom to come.‘ (No Plan, Hozier) – Stimmt, dort wo der ICE montags hält wartet definitiv kein Königreich auf mich.

H.E.R. – I used to know her
Weiter geht’s mit Melancholie: Montag bis Donnerstag im Hotel, dazwischen unbezahlte Überstunden, schlechtes Essen, zu viel Wein und eine gehörige Portion Heimweh. Die musikalische Selbstgeißelung beginnt mit H.E.R. immer dann, wenn die Stimmung im Büro kippt und ich mir sorglosere Zeiten herbeisehne. ‘…so I never read the news anymore, it’s hard not to feel hopeless.‘ (Lord is coming, H.E.R.) – Traurig, in der Tat.

Alligatoah – Triebwerke
Du bist schön, aber dafür kannst du nichts. Weder lesen, noch schreiben, noch was anderes.‘ (Du bist schön, Alligatoah) – Als zweite Tonspur zum unsympathischen Sitznachbarn genau das Richtige, um die Gedanken zu kanalisieren und kurze Genugtuung zu verspüren. Ein weiterer Klassiker gerichtet ans Patriarchat im Büro: ‘Du bist älter und denkst wohl, dass du klüger wirkst. Wie gut, dass ich weiß, dass du früher stirbst.‘ (Klüger, Alligatoah) – Kleiner Tipp: Besser nicht allzu laut aufdrehen und keinesfalls mitsingen!

Solange – A seat at the table
Manchmal, wenn Prokrastination auf wichtige Meetingvorbereitung trifft, lande ich ganz aus Versehen auf einschlägigen Reiseportalen. Dabei läuft die Livecam vom Lieblingsstrand, während ich ein äußerst geschäftiges Gesicht aufsetze. Auf den Ohren: Solange, das wahre Mastermind der Knowles-Familie (sorry, Bey!). Gesellschaftskritik trifft auf Melodien aus dem Frühling, sodass neben der Urlaubsplanung auch das moralische Unrechtsbewusstsein aufgefrischt wird.

Egal, für welchen Soundtrack ihr euch letztendlich entscheidet, so bleibt doch das Fazit: Musik macht versöhnlich, sogar im Büro.

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Was es bedeutet, eine richtige Frau zu sein?!

Sie hat einen Kurzhaarschnitt und wirkt burschikos trotz bunter, femininer Röcke. Sie hat eine ruppige Art und spricht in tiefer Stimmlage. Vor einigen Wochen ist sie uns als neue Projektleiterin vorgestellt worden. Sie ist ehrgeizig, wenn es um ihren Job geht. Ihre Aussagen sind oft fordernd, sie stellt direkte, klare Fragen. Ein „Kontrollzwang“ wurde ihr von einer Kollegin nachgesagt, da sie in Meetings nicht nur an der Oberfläche kratzt. Mir gegenüber, so nehme ich es wahr, herrscht eine unterschwellige Abwehrhaltung versteckt hinter einer eigenartigen Höflichkeit. Ich habe das Gefühl, aufpassen zu müssen, was ich sage. Bereits an dieser Stelle verdränge ich ein komisches Gefühl im Bauch, dass ein Mann mit ähnlichen Attributen in meiner eigenen Wahrnehmung besser davon käme…Mist!

Bei einer real-life-Ausgabe ‚Office Gossip Girl’ im einzigen Büro mit Tür – denn Großraumbüros sind ja ultra hip – erfahre ich vor ein paar Tagen, dass meine Kolleginnen ‚die Neue‘ genauso wahrnehmen wie ich. Eine bestimmte Aussage hat mich überzeugt, der Situation einen Blogbeitrag zu widmen – stellvertretend für konkrete Alltagssituationen, in denen uns der Gender-Bias überrollt und wir Geschlechterrollen in Schubladen stecken.

Die ist keine richtige Frau, die will keine Kinder.“ (VON einer Frau ÜBER eine andere Frau!)

Ich bin sprachlos und nehme diese Aussage im Nachgang mehrfach kleinteilig auseinander. Sind Frauen, die keine Kinder wollen, tatsächlich keine ‚richtigen‘ Frauen? Was heißt es eigentlich, eine ‚richtige‘ Frau zu sein? Vagina, Brüste, lange Haare, Windeln in der Handtasche, Teilzeitjob? Zumindest die Urheberin dieses Statements scheint eine klare Vorstellung davon zu haben. Sie scheint programmiert auf ein Frauenbild, in dem Kinder vorkommen müssen.

Sicher, das Thema Frauen im Kontext Fortpflanzung könnte ich jetzt nüchtern und politisch korrekt von allen Seiten beleuchten: soziologisch, biologisch, philosophisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich oder kulturell. Ist mir aber richtig bumsegal. Mein Motiv ist mein Gefühl gegenüber Frauen, die andere Frauen auf Basis ihres Kinderwunsches beurteilen – alternativlos. Keine richtige Frau zu sein ohne Kinder zu wollen im Jahr 2020, hier muss man doch was tun können.

Stehen Frauen sich selbst im Weg?

Das Jahr meiner Hochzeit war ebenfalls das Jahr meines dreißigsten Geburtstages. Wie ein allgegenwärtiger Sabrina-Spellman-Charmed-Zauber liegt seither auf magische Weise diese eine Frage in der Luft:

Wie sieht‘s denn bei dir mit Nachwuchs aus?“ (Halt die Fresse.)

Fun Fact: Fast ausschließlich Frauen stellen mir diese Frage, als sei es die neue casual Begrüßung im Club der Gebärfähigen. Auch meine Social Media Accounts platzen vor fröhlich dreinblickenden Schwangeren um die dreißig mit Videos darüber, wie der ‚Postpartum-Belly‘ möglichst schnell wieder verschwindet. Biologisch völlig nachvollziehbar und altersgerecht, doch mir fehlt die Alternative. Während ich im Studium mit Einladungen zu Karrieremessen, Frauen-Networking-Events und ‚Diversity‘-Veranstaltungen von Unternehmen beschmissen wurde, kriege ich heute als Frau, die mit beiden Beinen im Berufsleben steht, wenig Input. Als sei die geringe Zeitspanne für den Job nun abgelaufen, inklusive all der Karriereversprechen der Mittzwanziger-Frauenevents. Während die Monopoly Career Edition für Männer 100 Level bereithält, hört es für uns Frauen meist nach Level 50 auf. „Schluss jetzt, du hast genug gewonnen! Gehe direkt über LOS und ab in den Kreißsaal!“ Auch die weiblichen Vorbilder, die ich mir im Job wünsche, kommen häufig nicht aus der Elternzeit zurück. Es sind die Männer, die weiterhin der Reisetätigkeit nachgehen und sich wenige Wochen nach einer Geburt die Glückwünsche in Form eines Schulterklopfers abholen („Was, du hast 4 Wochen Elternzeit genommen? Das finde ich aber super. Und ihr wart in Thailand? Wie progressiv!“) Dass daran absolut nichts falsch ist, ist klar. Dass aber an umgekehrter Konstellation ebenso nichts falsch sein darf, benötigt Überzeugungsarbeit.

Her mit den Karriere-Influencerinnen!

Bis vor Kurzem war ich fest davon überzeugt, dass sich genau diese Überzeugungsarbeit an eine gesichtslose Masse älterer Männer richtet, der es lieber ist, die Karrieren der Mütter für die Familienplanung zu opfern. Und sicher, die aus ihrer Generation geprägten Männer sind definitiv eine Zielgruppe, die es zu überzeugen gilt. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es heute außerdem moderne und gebildete Frauen sind, die es anderen Frauen gelegentlich schwer machen, eine entsprechende Alternative zu wählen (shoutout an die Kollegin, siehe oben). Nicht jede Frau muss Mutter sein wollen. Nicht an jeder Ecke müssen Frauen über 30 mit Werbung zu Hormontests, Fruchtbarkeitsarmbändern oder Mutter-Kind-Partnerlooks konfrontiert werden. Gern hätte ich mal wieder etwas Abwechslung – sowohl in meinen Online-Feeds als auch im echten Leben. Karriere-Influencerinnen, die nicht nur Diät-Tees und Plastikleggings in die Kamera halten, sondern die aus dem Alltag erzählen, Tipps geben und Frauen dazu ermutigen, ‘richtige‘ Frauen zu sein: Mit Kind, ohne Kind, mit Karriere, ohne Karriere, mit Ehering, ohne Ehering. Und damit meine ich nicht die sporadischen Artikel und Videos über heldenhafte Frauen als Paradebeispiel, die es als CEO eines Fortune 500 Unternehmens geschafft haben (sind ja immerhin ganze 37…). Ich spreche von Frauen wie unserer neuen Projektleiterin, die im mittleren Management Bock hat auf 100 Level Karriere. Die uns erzählen kann, mit welchen täglichen Herausforderungen sie sich jobbedingt herumschlägt und die vor allen Dingen Stellung nehmen kann zu gesellschaftlichem Druck, eine ‘richtige‘ Frau zu sein – was auch immer dies nun bedeuten mag…

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Wie ich Opfer von Gehalts-Shaming wurde

Die Nachrichten am 10. März 2021 stehen im Zeichen des Equal Pay Days und somit der Forderung nach gleicher Bezahlung unabhängig vom Geschlecht. Rund 18 Prozent weniger als Männer verdienten Frauen im Jahr 2020. 18 Prozent! Damit befindet sich Deutschland laut Statistischem Bundesamt am unteren Ende der Money-Hitparade Europas und landet weit oben in den Ungleichberechtigungs-Charts – trotz vermeintlich fortschrittlichem Mindset.  

Die Berichte, Interviews und Meinungsbeiträge an besagtem Tag könnten problemlos aus dem Vorjahr stammen. Und dem Jahr davor. Und dem Jahr davor. Und…ihr versteht schon. Denn so richtig will sich auf Basis der leeren Worthülsen nichts ändern am Gehaltsgefüge. Das Karussell des Gender Pay Gaps dreht sich Jahr für Jahr weiter und besonders gravierend bleibt, dass Frauen schlechter bezahlte Jobs wählen, die eben nett ins weibliche Rollenprofil passen (und dabei, so zeigte sich, häufig auch noch ‘systemrelevant‘ sind): Arzthelferin, Pflegerin, Näherin, Buchhalterin, you name it! Warum aber der kaputte Rücken einer Friseurin in der Regel weniger wert ist als der Tennisarm des Malers? Keine Ahnung. Wissen die Betroffenen sicher auch nicht.

Doch wie lässt sich hier etwas ändern? Richtig. Indem konsequent vergleichbare Entlohnung eingefordert wird. Wo klopfe ich also an, wenn ich nach mehr Geld frage? Zunächst bei den Vorgesetzten, die zum Großteil – BINGO – dem männlichen Geschlecht angehören. Denn nur etwa jede dritte Führungskraft in Deutschland ist weiblich und je höher der Rang desto seltener sogar sind Frauen. “Derzeit sind 11,5 Prozent aller Vorstandsmitglieder der 160 Dax-, MDax- und SDax-Unternehmen weiblich […].” Cool, cool, cool! Fragt man sich theoretisch also einmal durch die gesamte Unternehmenshierarchie, ist die Chance hoch, früher oder später an einem toxisch maskulinen Endgegner zu scheitern (stelle mir gerade Bowser im Maßanzug vor). 

Noch weiter oben, in der Politik, sieht es auch nicht viel besser aus. Von historisch 15 Arbeitsminister*innen waren lediglich 2 Frauen im Amt. Der Vorsitz namhafter Gewerkschaften ist auch hauptsächlich Männern vorbehalten. Heißt im Umkehrschluss: Männer entscheiden über die Zukunft in weiblichen Geldbeuteln (praktischerweise sind die ja in der Regel bereits größer als Männer-Portemonnaies). Ziemlich komfortable Situation also für den von Jungs dominierten Wirtschafts-Spielplatz. Die klare Message: Solange Frauen bei vorwiegend Männern nach (mehr) Geld fragen müssen, sehe ich schwarz für positive Veränderungen hin zu gleichgeschaltetem Verdienst.  

Die misslungene Gehaltsverhandlung – Teil 2 

Warum erzähle ich das und was soll eigentlich diese aufgewärmte Faktensuppe, die ja vermeintlich sowieso jedem bekannt ist und allen bereits aus den Ohren raushängt? Neben der Tatsache, dass man auf die herrschenden Ungerechtigkeiten nicht oft genug hinweisen kann, ist mir kürzlich etwas passiert, das die Gehaltsfrage bei Frauen plötzlich zu einem persönlichen Schock-Erlebnis hat werden lassen. Und das, obwohl ich mich zuvor von all den genannten Benachteiligungen nie betroffen gefühlt habe. Bereits in einem verwandten Artikel beschreibe ich eine misslungene Gehaltsverhandlung, die nun in die zweite und – Spoileralarm – finale Runde ging (mit einem klaren K.O., so viel sei verraten).  

Ich bewerbe mich also offiziell auf diesen einen Job, für den ich angefragt wurde. Ich wiederhole es gern, weil’s so schön ist: ICH wurde angefragt auf Grund meiner dem Unternehmen bereits bekannten Leistungen und Kenntnisse als großartiges Match für eine frei werdende Stelle.

Nachdem ich in anfänglichen Gehaltsgesprächen bereits für die Statistenrolle der Bittstellerin gecastet wurde, spielte ich nun in den Augen meines angehenden neuen Chefs offensichtlich die Hauptrolle einer verzweifelten jungen Frau auf Jobsuche. So rief mich dieser kürzlich an für ein angekündigtes ‘pro forma‘ Vorstellungsgespräch, denn – zur Erinnerung – die Firma ist ja zuvor auf mich zugegangen. Er eröffnet mit den Worten: “Tja, so viel über Erfahrungen müssen wir ja gar nicht reden, Beratung ist ja dein erster Job und den machst du ja noch gar nicht so lange, richtig?” Gut, der Herr hatte nun weder meinen Lebenslauf besonders aufmerksam gelesen noch war es eine clevere Taktik, die er wählte, um mich schon zu Beginn “subtil” auf ein niedrigeres Gehaltsniveau einzustimmen. Das Motto ‘weibliche Berufseinsteigerin Anfang 30’ zog sich wie ein roter Faden durch das Gespräch. Getoppt wurde es nur noch von der unterschwelligen Frage nach privater Zukunfts- und Familienplanung. WTF! Ein seltsames Gefühl bringt spätestens jetzt die unausweichliche Frage hervor, ob der Kollege mit einem männlichen Bewerber meiner Altersgruppe genauso gesprochen hätte. Ich fühle mich äußerst unwohl.  

Wir beenden das Gespräch, ich frage, wann wir über Konditionen sprechen. “Ah, mach das mit HR.“, sagt der Kollege etwas peinlich berührt und bringt mir somit wenig bis keine Wertschätzung entgegen. Niemand hatte mich bisher gefragt, was ich mir wert sei. Umso überraschender dann meine Antwort für den armen HR Boy. Nach eingehenden Recherchen nenne ich die wohlüberlegte, marktgerechte und in meinen Augen der Rolle entsprechende Summe X. Einige Tage verstreichen, HR Boy meldet sich und sagt: “X können wir nicht machen auf Grund des Alters und der Erfahrung, wir bieten Y.” Ich entgegne: “Ist mir zu wenig und stellt mich unterm Strich schlechter als heute, meine Schwelle liegt bei Z.” Was danach passiert? Ich werde professionell geghostet! No shit, meine Forderung wird vom potentiellen Boss als ‘jenseits von Gut und Böse‘ in unterschiedliche Richtungen ‘gegossipt‘ und ich bin plötzlich Opfer von Gehalts-Shaming. Ich soll mich schlecht fühlen für meine Gehaltsvorstellung und kriege vermittelt, mich erklären zu müssen. Eine persönliche Frage nach Beweggründen für Summe X folgt nicht. Und wer nun denkt, diese Summe sei vergleichbar mit dem Einkommen der Geissens, täuscht. Doch darum geht es nicht: Ich habe Männer erlebt, die halb so viel leisten und absurde Forderungen nach mehr Geld, Beförderung und Anerkennung äußern. Was ich hingegen noch nie erlebte ist, dass diese Männer für solch absurde Forderungen verurteilt, belächelt oder gar mit negativen Konsequenzen konfrontiert wurden. Auf unprofessionellste Weise wurde mein Selbstbewusstsein hingegen sofort als ‘frech’ abgetan und mir die Ernsthaftigkeit hinter meinem Rücken abgesprochen. Ich verstehe langsam, was es mit zumindest ungleicher Einstellung gegenüber Frauen und geleisteter Arbeit auf sich hat.  

Die Konsequenz: Ob Mindestlohn oder Topmanager-Gehalt – uns Frauen das Gefühl zu geben, dass wir das Geld nicht wert sein können, stinkt zum Himmel. Ich, nun in der Rolle des frechen Mädchens, sage den Job also ab und bekomme gratis eine Portion Mansplaining (die nun wirklich nicht Teil meines Gehaltswunsches war): “Ein Rat von mir, weißt du: Wenn du zu viel verdienst, machst du dich schnell unbeliebt.” Danke, Jungs!

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Wie eine Gehaltsverhandlung NICHT laufen sollte

Es geht ums Prinzip. Das Prinzip esse, trinke, atme und lebe ich seitdem ich denken kann. Und wehe, es geht nicht fair zu. Dann werde ich zur Märtyrerin, zu Darkwing Duck, zu Robin Hood für die in meinen Augen Benachteiligten. Vordrängeln beim Bäcker macht mich wütend ebenso wie die strukturelle Ungleichverteilung von Kapital in unserer westlichen Welt. Mit Vollgas in Rage gerate ich außerdem in beliebten Diskussionen über die (Un-)Gleichberechtigung der Frau und bei zu viel Luft in teuren Chipstüten. All diese Umstände haben eines gemein: Es geht nicht um mich. Es geht um die Allgemeinheit, um Frauen, Kinder, SeaWorld-Delfine, Kollegen und die Umwelt. Sofort würde ich Prügel in Kauf nehmen, um in einer fiesen Fieslingssituation jemandem beizustehen. Was passiert also in meinem Kopf, wenn mir selbst etwas vermeintlich Unfaires widerfährt? Ich werde klein mit Hut, wenn ein Handwerker zu viel Geld verlangt, wenn statt bestellten Fritten nur Kartoffeln auf dem Teller liegen, wenn andere sich vordrängeln oder – und hier präsentiere ich den Anlass dieses Artikels – wenn im Job Gehälter zu meinen Ungunsten verhandelt werden.

Folgende Situation hat mich nun zur 360° Selbstreflexion gezwungen

Du machst’nen super Job hier im Projekt, wir würden dir gern eine Stelle als whatever-Manager anbieten, Gehalt liegt bei XYZ Euro* im Jahr. Kannst du dir vorstellen, für uns zu arbeiten?“ (*Anmerkung zu XYZ Euro im Jahr: Hierbei handelt es sich bereits um eine unverschämt hohe Summe, die 30-jährige Frauen für gewöhnlich zu Unrecht in Selbstzweifel-Endlosschleifen katapultiert und für die es ein männliches Maßlos-Ego bedarf, sie überhaupt einzufordern. ABER – und hier das Dilemma – vergleichbare Kollegen bekommen wissentlich mehr Geld.)

Ich antworte, sichtlich geehrt von diesem Zugeständnis an meine Kompetenz und hier beginnt die Talfahrt.

Akt 1 | Die eigenen Fähigkeiten unterschätzen

Den ersten Fehler begehe ich direkt. Ich hinterfrage, wie ein solches Angebot denn überhaupt für mich gedacht sein kann. Irrtum? Verwechslung? In meinem Kopf spielt ein Film, in dem mindestens zehn ‚viel geeignetere Kollegen‘ diese Stelle bereits abgelehnt haben müssen und ich die Notbesetzung bin. Damit werte ich unterbewusst nicht nur das Angebot ab, ich verkenne außerdem die Tatsache, dass ich bereits seit mehreren Jahren das Schiff aka. Team erfolgreich vor dem Untergang bewahre. Entsprechend submissiv fällt meine Antwort aus:

Eh, ja, prinzipiell kann ich mir das natürlich vorstellen. Welch eine Ehre, dass ihr auf mich zukommt.“ (facepalm.)

Sichtlich gebeutelt von diesem Gesprächseinstieg merke ich, dass meine Verhandlungsposition verbesserungswürdig ist. Ich frage mich also: Was hätte ich stattdessen sagen können?

Danke für das Angebot und das Vertrauen. Lass uns gern bei Gelegenheit über Aufgaben und Rahmenbedingungen sprechen, vielleicht finden wir irgendwann zueinander. Ich schau‘ es mir mal an.“ (So unverbindlich wie eine lose Verabredung mit Bekannten, die jederzeit einer weitaus besseren Option zum Opfer fallen kann.)

Akt 2 | Die Rolle der Bittstellerin

Mir werden also die Rahmenbedingungen aufgelistet als indiskutable Fakten, mit denen ich mich entweder abfinden kann oder nicht. Doch… moment mal: Wolltet IHR nicht vor rund einer Minute MICH für diese Rolle haben? Wann und vor allen Dingen wie ist es passiert, dass ich in der Position der Bittstellerin gelandet bin? Ich habe mich nicht proaktiv beworben und verspüre bis zu diesem Zeitpunkt kein Gefühl unermesslicher Dankbarkeit, zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden zu sein. Dies ändert sich schnell, denn zaghaft versuche ich nach dem zugegeben schwachen Einstieg am Händlerbasar teilzunehmen und sage:

Wie wär’s mit XYZ + ABC Euro?“ (Haha really? Kann ja gar nicht klappen, du Dummbatz!)

Ne, also ich würde echt Ärger mit HR bekommen, wenn ich angesichts deiner geringen Erfahrung ein so hohes Gehalt ansetzen würde.“ (Häh? IHR habt doch immernoch MICH gefragt?)

Ich erkenne, dass ich mich unwohl fühle in meiner Gesprächsposition und wünsche mir einen der vier Superhändler herbei, um diese verzwickte Situation aufzulösen (am liebsten den lustigen Rheinländer). Alternativ auch gern dieses „Gedächtnis-Auslösch-Dingens“ von Men in Black, um nochmal von vorne anfangen zu können. Ich schaffe es nicht, mein sonst so aufdringliches Selbstbewusstsein zu verwerten und meine Forderung sinnvoll zu versprachlichen – dabei ist mir klar, was ich will: Mehr Geld als mir geboten wird – aus Prinzip (hier schließt sich der Kreis)!

Akt 3 | Die Vermenschlichung der Organisation

Fakt ist doch: Unabhängig von meiner Person gibt es eine offene Stelle in einem Großkonzern, die mit einer ganzen Stange an Verantwortung einhergeht. Exakt dieselben Rollenprofile werden derzeit zu 95% von Männern mittleren Alters belegt. Von diesen 95% mangelt es mindestens der Hälfte an langfristigem Engagement, Manieren oder beidem (No shit! Ich bin schon seit drei Jahren als Beraterin dabei). Die offene Stelle stereotypisch zu besetzen mit einem Mann Mitte 50 würde bedeuten, ein mindestens doppelt so hohes Gehalt zahlen zu müssen wie das, was mir angeboten wird. Die Organisation, welche sicherlich von Menschen getrieben wird, räumt also ein Budget ein, welches mir nach oben hin verwehrt bleibt, weil…. warum eigentlich? Weil ich jung bin? Oder eine Frau, die zu nett ist, ihre Forderungen an erste Stelle zu setzen? Weil ich nicht klar formulieren kann, warum ich jeden Cent wert bin?

Würde ich mich darauf einlässen, wäre ich die „Buy 1 – get 1 free“ Mitarbeiterin, die die unermüdliche Work-Work-Balance über Jahre hinweg bereits unter Beweis gestellt hat. Ich wäre die gekaufte Katze im durchsichtigen Sack, die keine Überraschungen mehr bereithält, da sie den buckligen Arbeitsrücken schon perfektioniert. Ich wäre die Gut & Günstig Variante ganz unten im Manager*innen-Regal mit gleichem Inhalt in derselben Qualität, nur weniger hochwertig verpackt. Ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Ich merke, dass ich im Verhandlungsgespräch aber nicht nüchtern die Organisation mit ihren offensichtlichen Motiven betrachte, sondern nur meinen Gegenüber sehe, der in diesem Fall das Sprachrohr ist. Mein People-Pleaser-Gen lässt mich an meine Grenzen stoßen, da ich es als unhöflich, aufdringlich und dreist empfinde, die oben angeführten Argumente auf den Tisch zu legen. Ich beschließe, das Gespräch zunächst mit einem relativ offenen Ausgang ruhen zu lassen, darüber nachzudenken und einen neuen Anlauf zu nehmen (vor welchem ich mir so hart den Rocky-Soundtrack reinziehe und mich durch ein paar motivational quotes klicke – „don’t limit your challenges, challenge your limits“ oder so). Ihr hört von mir!