Die Saftkur

Der symbolische Neustart

Disziplin im Privatleben startet für mich meist mit dem Vorsatz, nach Feierabend unbedingt noch dieses 30-Minuten-Granaten-Workout zu absolvieren, damit ich irgendwann wieder so aussehe wie die Frauen meines Instagram-Schreins. Wie ich oft (ver-)ende: Mit Resten meiner Familienpackung Karamell M&Ms – sehr empfehlenswert – und der nächsten US-Dramedy-Serie, die für Zielgruppen im Alter zwischen vierzehn bis vierzehneinhalb Jahren produziert wurde. Dass mein Stoffwechsel diesem Alter schon lange nicht mehr entspricht, merke ich mit nachdrücklicher Verzweiflung mindestens ein paarmal im Jahr. Diesmal ist es soweit, als ich vor dem Spiegel stehe, ein Kleid zur Arbeit anziehen möchte und merke, dass dies ebenso Gerüchte eines Schwangerschaftsbäuchleins anheizen könnte. Ich ziehe mich um und fasse erneut den Vorsatz, diesmal aber wirklich wieder ‚back in shape‘ zu kommen wie zuletzt im Jahr 2014.

Mein in solchen Momenten leicht zu manipulierendes Hirn erinnert sich an eine Freundin, deren Bekannte mal von einer Cousine berichtete, deren Schwägerin wiederum eine richtig tolle, gar spirituelle Erfahrung mit einer Saftkur gemacht habe. Ein Neustart nicht nur für die Innereien, um den Tiefkühlpizzamüll loszuwerden, sondern auch, um die mentale Stärke aufzufrischen. Außerdem weiß jedes Kind – zumindest seit Staffel 3 von der Höhle der Löwen -, dass kaltgepresste Säfte echt spitzenklasse für unsere Gesundheit sind (und weniger spitzenklasse für den Geldbeutel).

Ich begebe mich auf Onlinesuche und habe selbstverständlich bereits am nächsten Tag sämtliche Anbieter von Saftkuren in meinen Werbeanzeigen auf Instagram. Ich bestelle eine 3-Tage-Reset-Kur bei demjenigen mit den schönsten Flaschen und den schönsten 10% Rabatt. Zwischenzeitlich konnte ich im Büro meine Influencer-Fähigkeiten ausbauen und habe Mitstreiterinnen gefunden, die sich gemeinsam mit mir auf die Juice-Cleanse-Reise begeben. Los geht’s!

Vorbereitung ist alles

Die insgesamt vierundzwanzig Flaschen á 250ml kommen in hipsteresquer Verpackung bei mir an, vorschriftsmäßig gekühlt mit ökölogisch abbaubaren Kühlakkus. Motivierende Getränkenamen wie Renew, Grace, E-Lyte oder Balance stimmen mich auf das gewünschte Ergebnis ein. Ich stelle die hübsch aussehenden Fläschchen in meinen Kühlschrank und das Ergebnis sieht aus, als hätte ich mich für MTV Cribs ausstatten lassen. Ich freue mich sehr auf meine Saftkur, wohlwissend, dass zu diesem Zeitpunkt noch ein volles Schlemmerwochenende vor mir liegt.

Tag 1 | Rote Beete – ekelhaft!

Es ist Montagmorgen, motiviert wie nie schraube ich den ersten Saft auf in der Annahme, dass diese Motivation mich in den kommenden drei Tagen über so manches Geschmackserlebnis hinwegtäuschen muss. Bewusst wähle ich das wie Erde schmeckende Getränk zuerst: Rote Beete, ein Gewächs direkt aus der Hölle! Es kann nur besser werden und dem ist auch so. Die anderen Säfte sind wirklich richtig lecker.

Um das vorgeschriebene Pensum von insgesamt acht Säften pro Tag zu bewältigen, starte ich um 7 Uhr morgens und habe alle 2-3 Stunden eine neue Flasche mit buntem Inhalt vor mir stehen. Völlig überraschend ist, dass die Säfte so reichhaltig sind, dass ich nur mit viel Mühe hinterherkomme. Von Hunger keine Spur, auch die Laune ist hervorragend. Meine Kolleginnen haben einen ebenso entspannten Montag und sind mir (noch) nicht böse für meinen Gesundheitsaktionismus.

Abends, als die Ablenkung am Schreibtisch vorbei ist, entdecke ich einen interessanten Nebeneffekt. Normalerweise hätte ich mir ein Glas Weißwein geschnappt und es vor dem Fernseher genossen, doch selbst darauf habe ich so gar keine Lust (Hashtag healthy!).

Tag 2 | „Bist du im Saft?“

Bist du im Saft?“ ist die äußerst witzige und einfallsreiche Nachricht aus der Feder meines Mannes, die mir auf meinem Handy entgegenblinkt, als ich aufstehe (sonst ist er echt ganz lustig). Ich erinnere mich zuallererst an das Rote-Beete-Erlebnis vom Vortag und versuche, den Würgereiz so gut es geht zu unterdrücken. Zugegeben, meine Standhaftigkeit wackelt kurz, als ich auf dem Weg zum Kühlschrank an der Kaffeemaschine vorbeilaufe, um mir den dunkelroten Teufelssaft zu schnappen. Mein Mantra: „Runter damit, kann ja nicht schlimmer schmecken als gestern.“ Doch, kann es! Ich quäle mich also durch diesen Drink, der mit Wodka gemischt nur halb so schlimm wäre, und starte in Tag 2 der Saftkur. Dieser verläuft ereignislos, ich habe immernoch keine Heißhungerattacken und auch die Laune ist stabil. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Konzentration während der Arbeit nicht nachlässt. Abends gehe ich früh schlafen – ohne Wein vorneweg – und fühle mich innerlich äußerst aufgeräumt.

Tag 3 | Boykott und Croissants

Ich schraube den Deckel ab, der Geruch von Blumenerde und Regenwürmern kommt mir entgegen. Ich schraube den Deckel wieder drauf und laufe zum Mülleimer. Aus Versehen fällt der Rote Beete Saft hinein. Ups! Naja, wäre ja jetzt auch viel zu aufwändig, den da wieder rauszuholen…

Nach dem oben geschilderten ‚Unfall‘ komme ich tatsächlich ins Schwärmen und freue mich richtig auf die restlichen Säfte am letzten Tag der inneren Müllverbrennung. Ich verspüre nach wie vor keinen Heißhunger, merke aber, dass mein Energielevel über den Tag hinweg sinkt. In der Mittagspause mache ich einen kurzen Abstecher in die Innenstadt und der kleine Spaziergang schlaucht. Hinzu kommen die Gerüche aus den unterschiedlichsten Ecken, die auf leckeres Essen hindeuten – nicht gerade hilfreich.

Nach getaner Arbeit schweift mein Hirn ab und zeigt mir immer wieder Bilder von perfekten Croissants in unterschiedlichsten Variationen (fast alle beinhalten nutella). Offenbar habe ich ein besonderes Verhältnis zu dieser Teigeware und es entwickelt sich ein solider Plan, am nächsten Tag so früh wie möglich zum nächsten Bäcker zu stürmen und ein stattliches Croissant-Investment zu tätigen (ist auch genau so passiert – Spoiler!). Echter Hunger ist das nicht, aber die Lust auf Genuss kann ich nicht abstellen. Ich beende den Tag mit dröhnendem Kopfschmerz und der Vorfreude auf das wohlverdiente Frühstück.

Fazit

Drei Tage lang nur Säfte trinken funktioniert richtig gut, insbesondere dann, wenn die größtenteils richtig lecker sind (ist natürlich ein sehr subjektives Empfinden). Das ganze fünf oder gar sieben Tage lang zu machen, schließe ich für mich jedoch aus. Das Gefühl, etwas Gutes für den eigenen Körper erreicht zu haben, stellt sich für leicht manipulierbare Menschen wie mich bereits nach drei Tagen ein. Ich brauche keine Grenzerfahrung, schon gar nicht, wenn ich direkt wieder in die Croissant-Falle tappe. Was ich über mich gelernt habe ist, dass Verzicht die Freude für Genuss neu entfacht und diesen nicht zu etwas Selbstverständlichem macht. Definitiv werde ich erneut zur Flasche greifen (und dabei diejenige mit dunkelrotem Inhalt von vornherein weglassen). Sehr empfehlenswert!

Was mir heute wichtig ist

Catcalling trifft es ganz gut. Wenn man Katzen ruft, kommen die ja meist auch nicht angelaufen.

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