Gehalts Shaming

"Ein Rat von mir, weißt du: Wenn du zu viel verdienst, machst du dich schnell unbeliebt." - weißer Mann mit Anzug, um die 50 Jahre alt.

Bowser Boss

Die Nachrichten am 10. März 2021 stehen im Zeichen des Equal Pay Days und somit der Forderung nach gleicher Bezahlung unabhängig vom Geschlecht. Rund 18 Prozent weniger als Männer verdienten Frauen im Jahr 2020. 18 Prozent! Damit befindet sich Deutschland laut Statistischem Bundesamt am unteren Ende der Money-Hitparade Europas und landet weit oben in den Ungleichberechtigungs-Charts – trotz vermeintlich fortschrittlichem Mindset.  

Die Berichte, Interviews und Meinungsbeiträge an besagtem Tag könnten problemlos aus dem Vorjahr stammen. Und dem Jahr davor. Und dem Jahr davor. Und…ihr versteht schon. Denn so richtig will sich auf Basis der leeren Worthülsen nichts ändern am Gehaltsgefüge. Das Karussell des Gender Pay Gaps dreht sich Jahr für Jahr weiter und besonders gravierend bleibt, dass Frauen schlechter bezahlte Jobs wählen, die eben nett ins weibliche Rollenprofil passen (und dabei, so zeigte sich, häufig auch noch ‘systemrelevant‘ sind): Arzthelferin, Pflegerin, Näherin, Buchhalterin, you name it! Warum aber der kaputte Rücken einer Friseurin in der Regel weniger wert ist als der Tennisarm des Malers? Keine Ahnung. Wissen die Betroffenen sicher auch nicht. Doch wie lässt sich hier etwas ändern? Richtig. Indem konsequent vergleichbare Entlohnung eingefordert wird. Wo klopfe ich also an, wenn ich nach mehr Geld frage? Zunächst bei den Vorgesetzten, die zum Großteil – BINGO – dem männlichen Geschlecht angehören. Denn nur etwa jede dritte Führungskraft in Deutschland ist weiblich und je höher der Rang desto seltener sogar sind Frauen. “Derzeit sind 11,5 Prozent aller Vorstandsmitglieder der 160 Dax-, MDax- und SDax-Unternehmen weiblich […].” Cool, cool, cool! Fragt man sich theoretisch also einmal durch die gesamte Unternehmenshierarchie, ist die Chance hoch, früher oder später an einem toxisch maskulinen Endgegner zu scheitern (stelle mir gerade Bowser im Maßanzug vor). 

Noch weiter oben, in der Politik, sieht es auch nicht viel besser aus. Von historisch 15 Arbeitsminister*innen waren lediglich 2 Frauen im Amt. Der Vorsitz namhafter Gewerkschaften ist auch hauptsächlich Männern vorbehalten. Heißt im Umkehrschluss: Männer entscheiden über die Zukunft in weiblichen Geldbeuteln (praktischerweise sind die ja in der Regel bereits größer als Männer-Portemonnaies). Ziemlich komfortable Situation also für den von Jungs dominierten Wirtschafts-Spielplatz. Die klare Message: Solange Frauen bei vorwiegend Männern nach (mehr) Geld fragen müssen, sehe ich schwarz für positive Veränderungen hin zu gleichgeschaltetem Verdienst.  

Die misslungene Gehaltsverhandlung – Teil 2 

Warum erzähle ich das und was soll eigentlich diese aufgewärmte Faktensuppe, die ja vermeintlich sowieso jedem bekannt ist und allen bereits aus den Ohren raushängt? Neben der Tatsache, dass man auf die herrschenden Ungerechtigkeiten nicht oft genug hinweisen kann, ist mir kürzlich etwas passiert, das die Gehaltsfrage bei Frauen plötzlich zu einem persönlichen Schock-Erlebnis hat werden lassen. Und das, obwohl ich mich zuvor von all den genannten Benachteiligungen nie betroffen gefühlt habe. Bereits in einem verwandten Artikel beschreibe ich eine misslungene Gehaltsverhandlung, die nun in die zweite und – Spoileralarm – finale Runde ging (mit einem klaren K.O., so viel sei verraten).  

Ich bewerbe mich also offiziell auf diesen einen Job, für den ich angefragt wurde. Ich wiederhole es gern, weil’s so schön ist: ICH wurde angefragt auf Grund meiner dem Unternehmen bereits bekannten Leistungen und Kenntnisse als großartiges Match für eine frei werdende Stelle. Nachdem ich in anfänglichen Gehaltsgesprächen bereits für die Statistenrolle der Bittstellerin gecastet wurde, spielte ich nun in den Augen meines angehenden neuen Chefs offensichtlich die Hauptrolle einer verzweifelten jungen Frau auf Jobsuche. So rief mich dieser kürzlich an für ein angekündigtes ‘pro forma‘ Vorstellungsgespräch, denn – zur Erinnerung – die Firma ist ja zuvor auf mich zugegangen. Er eröffnet mit den Worten: “Tja, so viel über Erfahrungen müssen wir ja gar nicht reden, Beratung ist ja dein erster Job und den machst du ja noch gar nicht so lange, richtig?” Gut, der Herr hatte nun weder meinen Lebenslauf besonders aufmerksam gelesen noch war es eine clevere Taktik, die er wählte, um mich schon zu Beginn “subtil” auf ein niedrigeres Gehaltsniveau einzustimmen. Das Motto ‘weibliche Berufseinsteigerin Anfang 30’ zog sich wie ein roter Faden durch das Gespräch. Getoppt wurde es nur noch von der unterschwelligen Frage nach privater Zukunfts- und Familienplanung. WTF! Ein seltsames Gefühl bringt spätestens jetzt die unausweichliche Frage hervor, ob der Kollege mit einem männlichen Bewerber meiner Altersgruppe genauso gesprochen hätte. Ich fühle mich äußerst unwohl.  

Wir beenden das Gespräch, ich frage, wann wir über Konditionen sprechen. “Ah, mach das mit HR.“, sagt der Kollege etwas peinlich berührt und bringt mir somit wenig bis keine Wertschätzung entgegen. Niemand hatte mich bisher gefragt, was ich mir wert sei. Umso überraschender dann meine Antwort für den armen HR Boy. Nach eingehenden Recherchen nenne ich die wohlüberlegte, marktgerechte und in meinen Augen der Rolle entsprechende Summe X. Einige Tage verstreichen, HR Boy meldet sich und sagt: “X können wir nicht machen auf Grund des Alters und der Erfahrung, wir bieten Y.” Ich entgegne: “Ist mir zu wenig und stellt mich unterm Strich schlechter als heute, meine Schwelle liegt bei Z.” Was danach passiert? Ich werde professionell geghostet! No shit, meine Forderung wird vom potentiellen Boss als ‘jenseits von Gut und Böse‘ in unterschiedliche Richtungen ‘gegossipt‘ und ich bin plötzlich Opfer von Gehalts-Shaming. Ich soll mich schlecht fühlen für meine Gehaltsvorstellung und kriege vermittelt, mich erklären zu müssen. Eine persönliche Frage nach Beweggründen für Summe X folgt nicht. Und wer nun denkt, diese Summe sei vergleichbar mit dem Einkommen der Geissens, täuscht. Doch darum geht es nicht: Ich habe Männer erlebt, die halb so viel leisten und absurde Forderungen nach mehr Geld, Beförderung und Anerkennung äußern. Was ich hingegen noch nie erlebte ist, dass diese Männer für solch absurde Forderungen verurteilt, belächelt oder gar mit negativen Konsequenzen konfrontiert wurden. Auf unprofessionellste Weise wurde mein Selbstbewusstsein hingegen sofort als ‘frech’ abgetan und mir die Ernsthaftigkeit hinter meinem Rücken abgesprochen. Ich verstehe langsam, was es mit zumindest ungleicher Einstellung gegenüber Frauen und geleisteter Arbeit auf sich hat.  

Die Konsequenz: Ob Mindestlohn oder Topmanager-Gehalt – uns Frauen das Gefühl zu geben, dass wir das Geld nicht wert sein können, stinkt zum Himmel. Ich, nun in der Rolle des frechen Mädchens, sage den Job also ab und bekomme gratis eine Portion Mansplaining (die nun wirklich nicht Teil meines Gehaltswunsches war): “Ein Rat von mir, weißt du: Wenn du zu viel verdienst, machst du dich schnell unbeliebt.” Danke, Jungs!

Was mir heute wichtig ist

Ob Mindestlohn oder Topmanager-Gehalt - uns Frauen das Gefühl zu geben, dass wir das Geld nicht wert sein können, stinkt zum Himmel.

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Titelbild | Ryan Quintal

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