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Job Jungle

Was es bedeutet, eine richtige Frau zu sein?!

Sie hat einen Kurzhaarschnitt und wirkt burschikos trotz bunter, femininer Röcke. Sie hat eine ruppige Art und spricht in tiefer Stimmlage. Vor einigen Wochen ist sie uns als neue Projektleiterin vorgestellt worden. Sie ist ehrgeizig, wenn es um ihren Job geht. Ihre Aussagen sind oft fordernd, sie stellt direkte, klare Fragen. Ein „Kontrollzwang“ wurde ihr von einer Kollegin nachgesagt, da sie in Meetings nicht nur an der Oberfläche kratzt. Mir gegenüber, so nehme ich es wahr, herrscht eine unterschwellige Abwehrhaltung versteckt hinter einer eigenartigen Höflichkeit. Ich habe das Gefühl, aufpassen zu müssen, was ich sage. Bereits an dieser Stelle verdränge ich ein komisches Gefühl im Bauch, dass ein Mann mit ähnlichen Attributen in meiner eigenen Wahrnehmung besser davon käme…Mist!

Bei einer real-life-Ausgabe ‚Office Gossip Girl’ im einzigen Büro mit Tür – denn Großraumbüros sind ja ultra hip – erfahre ich vor ein paar Tagen, dass meine Kolleginnen ‚die Neue‘ genauso wahrnehmen wie ich. Eine bestimmte Aussage hat mich überzeugt, der Situation einen Blogbeitrag zu widmen – stellvertretend für konkrete Alltagssituationen, in denen uns der Gender-Bias überrollt und wir Geschlechterrollen in Schubladen stecken.

Die ist keine richtige Frau, die will keine Kinder.“ (VON einer Frau ÜBER eine andere Frau!)

Ich bin sprachlos und nehme diese Aussage im Nachgang mehrfach kleinteilig auseinander. Sind Frauen, die keine Kinder wollen, tatsächlich keine ‚richtigen‘ Frauen? Was heißt es eigentlich, eine ‚richtige‘ Frau zu sein? Vagina, Brüste, lange Haare, Windeln in der Handtasche, Teilzeitjob? Zumindest die Urheberin dieses Statements scheint eine klare Vorstellung davon zu haben. Sie scheint programmiert auf ein Frauenbild, in dem Kinder vorkommen müssen.

Sicher, das Thema Frauen im Kontext Fortpflanzung könnte ich jetzt nüchtern und politisch korrekt von allen Seiten beleuchten: soziologisch, biologisch, philosophisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich oder kulturell. Ist mir aber richtig bumsegal. Mein Motiv ist mein Gefühl gegenüber Frauen, die andere Frauen auf Basis ihres Kinderwunsches beurteilen – alternativlos. Keine richtige Frau zu sein ohne Kinder zu wollen im Jahr 2020, hier muss man doch was tun können.

Stehen Frauen sich selbst im Weg?

Das Jahr meiner Hochzeit war ebenfalls das Jahr meines dreißigsten Geburtstages. Wie ein allgegenwärtiger Sabrina-Spellman-Charmed-Zauber liegt seither auf magische Weise diese eine Frage in der Luft:

Wie sieht‘s denn bei dir mit Nachwuchs aus?“ (Halt die Fresse.)

Fun Fact: Fast ausschließlich Frauen stellen mir diese Frage, als sei es die neue casual Begrüßung im Club der Gebärfähigen. Auch meine Social Media Accounts platzen vor fröhlich dreinblickenden Schwangeren um die dreißig mit Videos darüber, wie der ‚Postpartum-Belly‘ möglichst schnell wieder verschwindet. Biologisch völlig nachvollziehbar und altersgerecht, doch mir fehlt die Alternative. Während ich im Studium mit Einladungen zu Karrieremessen, Frauen-Networking-Events und ‚Diversity‘-Veranstaltungen von Unternehmen beschmissen wurde, kriege ich heute als Frau, die mit beiden Beinen im Berufsleben steht, wenig Input. Als sei die geringe Zeitspanne für den Job nun abgelaufen, inklusive all der Karriereversprechen der Mittzwanziger-Frauenevents. Während die Monopoly Career Edition für Männer 100 Level bereithält, hört es für uns Frauen meist nach Level 50 auf. „Schluss jetzt, du hast genug gewonnen! Gehe direkt über LOS und ab in den Kreißsaal!“ Auch die weiblichen Vorbilder, die ich mir im Job wünsche, kommen häufig nicht aus der Elternzeit zurück. Es sind die Männer, die weiterhin der Reisetätigkeit nachgehen und sich wenige Wochen nach einer Geburt die Glückwünsche in Form eines Schulterklopfers abholen („Was, du hast 4 Wochen Elternzeit genommen? Das finde ich aber super. Und ihr wart in Thailand? Wie progressiv!“) Dass daran absolut nichts falsch ist, ist klar. Dass aber an umgekehrter Konstellation ebenso nichts falsch sein darf, benötigt Überzeugungsarbeit.

Her mit den Karriere-Influencerinnen!

Bis vor Kurzem war ich fest davon überzeugt, dass sich genau diese Überzeugungsarbeit an eine gesichtslose Masse älterer Männer richtet, der es lieber ist, die Karrieren der Mütter für die Familienplanung zu opfern. Und sicher, die aus ihrer Generation geprägten Männer sind definitiv eine Zielgruppe, die es zu überzeugen gilt. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es heute außerdem moderne und gebildete Frauen sind, die es anderen Frauen gelegentlich schwer machen, eine entsprechende Alternative zu wählen (shoutout an die Kollegin, siehe oben). Nicht jede Frau muss Mutter sein wollen. Nicht an jeder Ecke müssen Frauen über 30 mit Werbung zu Hormontests, Fruchtbarkeitsarmbändern oder Mutter-Kind-Partnerlooks konfrontiert werden. Gern hätte ich mal wieder etwas Abwechslung – sowohl in meinen Online-Feeds als auch im echten Leben. Karriere-Influencerinnen, die nicht nur Diät-Tees und Plastikleggings in die Kamera halten, sondern die aus dem Alltag erzählen, Tipps geben und Frauen dazu ermutigen, ‘richtige‘ Frauen zu sein: Mit Kind, ohne Kind, mit Karriere, ohne Karriere, mit Ehering, ohne Ehering. Und damit meine ich nicht die sporadischen Artikel und Videos über heldenhafte Frauen als Paradebeispiel, die es als CEO eines Fortune 500 Unternehmens geschafft haben (sind ja immerhin ganze 37…). Ich spreche von Frauen wie unserer neuen Projektleiterin, die im mittleren Management Bock hat auf 100 Level Karriere. Die uns erzählen kann, mit welchen täglichen Herausforderungen sie sich jobbedingt herumschlägt und die vor allen Dingen Stellung nehmen kann zu gesellschaftlichem Druck, eine ‘richtige‘ Frau zu sein – was auch immer dies nun bedeuten mag…

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Dirty Thirty

FCK NZS – Was ein hässliches Graffiti über meine Nachbarn enthüllt

Die Geschichte einer verschandelten Hauswand und dem wahren Gesicht meiner Nachbarn…

Der Vermieter 

Ich stehe mit drei Einkaufstüten und einem Sixpack Bier vor der Haustür, es dämmert und ich sehe nichts. Erstmal Licht im Treppenhaus anmachen, logisch. Ich jongliere die Tüten und das Bier und drücke mit dem großen Zeh auf den Lichtschalter – nichts. “Geizhals!“, hallt meine Stimme durch das gesamte Treppenhaus. Ich ertaste die Treppenstufen und komme schließlich unverletzt in unserer Wohnung an – arschkalt. “Doppelgeizhals!“, schreie ich so laut, dass es der über uns wohnende Vermieter hören kann. Zu geizig für das Licht im Hausflur in der Abenddämmerung, zu geizig für eine dauerhaft funktionierende Heizung bei eisigen Außentemperaturen (richtig mies im Homeoffice). Von dieser alten, sparsamen Schule sind viele deutsche Herr- und Frauschaften, die eine Nachkriegszeit voller Verzicht und Misstrauen erlebt haben (so zumindest laut Geschichtsbuch und Google, ich finde es einfach nur arschig).  

Das Mehrfamilienhaus inmitten des Immobilienalptraums Frankfurt lässt darauf schließen, dass mein Vermieter und sein nicht weniger ‘charmanter‘ Sohn (mit Frau und Kind) ein Vermögen in Millionenhöhe besitzen. Als wir uns vor etwa fünf Jahren als kinderloses Paar auf unsere Wohnung beworben haben, hatten wir 150 ‘Konkurrenten‘. Nur wenige wurden eingeladen, so die Aussage der strengen Vermieter-Jury.  

Der Nörgler – ich nenne ihn Wolfgang  

Jogginghose, Adiletten, Micky Mouse Pullover mit Marmeladenflecken. In offizieller Homeoffice-Uniform bringe ich den Müll raus und treffen ‘den Nörgler‘ aus dem Erdgeschoss. Auch er beschwert sich über fehlendes Licht und kalte Heizungen. Zusätzlich sagt er: 

Wir schließen jetzt immer das Hoftor ab, nur damit ihr’s wisst.” 

Ich frage: 

Aha. Wieso das?” 

Er antwortet: 

Da hat nachts wieder einer in den Hof geschissen.” (lol) 

Ich setze meinen seriös empörten Gesichtsausdruck auf. 

Weißte, seitdem damals schon die Jugoslawen herkamen nach dem Krieg geht das schon so. Dieses Pack, ne, was hier so rumläuft, da kann man keinem trauen.” 

Ich verlasse den Hof und schließe das Hoftor ab. 

Der Homophobe 

Es klingelt, der freundlich DHL-Bote, mit dem ich seit Pandemiebeginn eine innige Freundschaft hege, kommt die Treppen hochgelaufen. Er hat nicht nur meine heiß ersehnten Schuhe dabei, die ich in diesen Zeiten sowieso niemals tragen werde, sondern auch ein Paket für meinen Nachbarn gegenüber. Gleichzeitig öffnen wir unsere Wohnungstüren und kommen ins Gespräch.  

Er sagt: 

Ich habe heute Urlaub.” 

Ich sage: 

Cool, da kann man endlich auch mal Dinge erledigen, zu denen man sonst nicht kommt. In Ruhe Sport machen zum Beispiel.” 

Er antwortet: 

Ja, das stimmt, ich werde auch nachher ins Fitnessstudio gehen.” 

Ich wieder: 

Toll… Ja, mein Mann hat sich jetzt im Fitnessstudio Fitness Second (haha) angemeldet, er ist richtig begeistert, es gibt sogar ein Schwimmbad.” 

Mein Nachbar verzieht das Gesicht und spricht wie ein Verschwörungstheoretiker mit Aluhut: 

Boah, ne, ey, in dem war ich mal, da sind nur Schwuchteln, nur Homos! Die machen da überall rum! In der Dusche ey, und in der Sauna, richtig eklig. Nur so Homos, da geh’ ich nicht mehr hin.” (gekürzte Version, er hat richtig ausgeholt) 

Ich verschwinde mit meinen Schuhen in der Wohnung. Ich ärgere mich noch heute über meine Untätigkeit in dieser skurrilen Situation.  

FCK NZS 

Sonntagmorgen, wir schlafen noch. Ich werde geweckt durch die engelsgleiche Brüllstimme des Vermieters, der auf seinem Balkon (why?) ins Telefon kommandiert:  

Ja, hallo, ich möchte Anzeige erstatten. Mein Haus wurde heute Nacht angesprüht. … Mit Graffiti.” (lol) 

Von Neugier übermannt bringe ich den Müll raus (im Schlafanzug). Neben den Klingelschildern, die allesamt durch deutsch klingende Nachnamen geziert werden, steht in hässlicher Spray-Schrift: 

FCK NZS 

Ich mache ein Erinnerungsfoto und gehe wieder rein. Tage vergehen und ich denke mir nichts dabei. Hier hat sicher ein Lausbub’ (oder eine Lausbübin?) das Taschengeld für eine Sprühdose ausgegeben und nachts wahllos Hauswände ‘verziert‘, um wahlweise gegen das System, die Eltern, den Gymnasialzweig, die auferlegten Tommy Hilfiger Poloshirts etc. zu rebellieren. Doch dann – mein Geistesblitz: Gibt es nicht doch etwas Wahres an diesem Kunstwerk, ob Absicht oder nicht? 

Ein Haus im höchst gentrifizierten Stadtteil. Die zehn Parteien werden allesamt bewohnt durch westliche Menschen mit mehr oder minder akzeptabler Bildung (Wolfgang ausgenommen) und ausreichendem Einkommen. Homophobie und Intoleranz spuken durch den Hausflur (siehe oben). Die Vermieter: So stur und ‘deutsch‘ wie man es sich nur vorstellen kann (was auch immer das im Detail heißen mag).  

Mir wird klar, dass sich unter den 150 Bewerbern damals alle möglichen Menschen mit unterschiedlichster Herkunft und unterschiedlichen Lebensmodellen befunden haben müssen. Ob diese eingeladen wurden, wage ich nach und nach zu bezweifeln. Zwar würde ich niemanden in unserem Haus mit rechten Idealen in Verbindung bringen, doch ich habe zu spüren bekommen, dass Vorurteile gegenüber anderen Menschengruppen bestehen. ‘FCK NZS‘ – wer hätte gedacht, dass mich ein hässliches Graffiti auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Dass es mir klar macht, dass ich im ‘homogenen Haus’ nicht auffalle, weil wir mit unserem Nachnamen und unserem Aussehen ins Raster der gewünschten Bewohner passten. Danke also an den talentlosen Hobby-Sprayer / die talentlose Hobby-Sprayerin, dass ich im Alltag nun nachhaltig zu mehr Wachsamkeit angehalten bin in der Hoffnung, dass auch in unserem Haus demnächst mehr Diversität einkehrt und Vorurteile verschwinden (Ehrenwort, gegen den homophoben Hipster setze ich mich zur Wehr)… 

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Job Jungle

Wie ich Opfer von Gehalts-Shaming wurde

Die Nachrichten am 10. März 2021 stehen im Zeichen des Equal Pay Days und somit der Forderung nach gleicher Bezahlung unabhängig vom Geschlecht. Rund 18 Prozent weniger als Männer verdienten Frauen im Jahr 2020. 18 Prozent! Damit befindet sich Deutschland laut Statistischem Bundesamt am unteren Ende der Money-Hitparade Europas und landet weit oben in den Ungleichberechtigungs-Charts – trotz vermeintlich fortschrittlichem Mindset.  

Die Berichte, Interviews und Meinungsbeiträge an besagtem Tag könnten problemlos aus dem Vorjahr stammen. Und dem Jahr davor. Und dem Jahr davor. Und…ihr versteht schon. Denn so richtig will sich auf Basis der leeren Worthülsen nichts ändern am Gehaltsgefüge. Das Karussell des Gender Pay Gaps dreht sich Jahr für Jahr weiter und besonders gravierend bleibt, dass Frauen schlechter bezahlte Jobs wählen, die eben nett ins weibliche Rollenprofil passen (und dabei, so zeigte sich, häufig auch noch ‘systemrelevant‘ sind): Arzthelferin, Pflegerin, Näherin, Buchhalterin, you name it! Warum aber der kaputte Rücken einer Friseurin in der Regel weniger wert ist als der Tennisarm des Malers? Keine Ahnung. Wissen die Betroffenen sicher auch nicht.

Doch wie lässt sich hier etwas ändern? Richtig. Indem konsequent vergleichbare Entlohnung eingefordert wird. Wo klopfe ich also an, wenn ich nach mehr Geld frage? Zunächst bei den Vorgesetzten, die zum Großteil – BINGO – dem männlichen Geschlecht angehören. Denn nur etwa jede dritte Führungskraft in Deutschland ist weiblich und je höher der Rang desto seltener sogar sind Frauen. “Derzeit sind 11,5 Prozent aller Vorstandsmitglieder der 160 Dax-, MDax- und SDax-Unternehmen weiblich […].” Cool, cool, cool! Fragt man sich theoretisch also einmal durch die gesamte Unternehmenshierarchie, ist die Chance hoch, früher oder später an einem toxisch maskulinen Endgegner zu scheitern (stelle mir gerade Bowser im Maßanzug vor). 

Noch weiter oben, in der Politik, sieht es auch nicht viel besser aus. Von historisch 15 Arbeitsminister*innen waren lediglich 2 Frauen im Amt. Der Vorsitz namhafter Gewerkschaften ist auch hauptsächlich Männern vorbehalten. Heißt im Umkehrschluss: Männer entscheiden über die Zukunft in weiblichen Geldbeuteln (praktischerweise sind die ja in der Regel bereits größer als Männer-Portemonnaies). Ziemlich komfortable Situation also für den von Jungs dominierten Wirtschafts-Spielplatz. Die klare Message: Solange Frauen bei vorwiegend Männern nach (mehr) Geld fragen müssen, sehe ich schwarz für positive Veränderungen hin zu gleichgeschaltetem Verdienst.  

Die misslungene Gehaltsverhandlung – Teil 2 

Warum erzähle ich das und was soll eigentlich diese aufgewärmte Faktensuppe, die ja vermeintlich sowieso jedem bekannt ist und allen bereits aus den Ohren raushängt? Neben der Tatsache, dass man auf die herrschenden Ungerechtigkeiten nicht oft genug hinweisen kann, ist mir kürzlich etwas passiert, das die Gehaltsfrage bei Frauen plötzlich zu einem persönlichen Schock-Erlebnis hat werden lassen. Und das, obwohl ich mich zuvor von all den genannten Benachteiligungen nie betroffen gefühlt habe. Bereits in einem verwandten Artikel beschreibe ich eine misslungene Gehaltsverhandlung, die nun in die zweite und – Spoileralarm – finale Runde ging (mit einem klaren K.O., so viel sei verraten).  

Ich bewerbe mich also offiziell auf diesen einen Job, für den ich angefragt wurde. Ich wiederhole es gern, weil’s so schön ist: ICH wurde angefragt auf Grund meiner dem Unternehmen bereits bekannten Leistungen und Kenntnisse als großartiges Match für eine frei werdende Stelle.

Nachdem ich in anfänglichen Gehaltsgesprächen bereits für die Statistenrolle der Bittstellerin gecastet wurde, spielte ich nun in den Augen meines angehenden neuen Chefs offensichtlich die Hauptrolle einer verzweifelten jungen Frau auf Jobsuche. So rief mich dieser kürzlich an für ein angekündigtes ‘pro forma‘ Vorstellungsgespräch, denn – zur Erinnerung – die Firma ist ja zuvor auf mich zugegangen. Er eröffnet mit den Worten: “Tja, so viel über Erfahrungen müssen wir ja gar nicht reden, Beratung ist ja dein erster Job und den machst du ja noch gar nicht so lange, richtig?” Gut, der Herr hatte nun weder meinen Lebenslauf besonders aufmerksam gelesen noch war es eine clevere Taktik, die er wählte, um mich schon zu Beginn “subtil” auf ein niedrigeres Gehaltsniveau einzustimmen. Das Motto ‘weibliche Berufseinsteigerin Anfang 30’ zog sich wie ein roter Faden durch das Gespräch. Getoppt wurde es nur noch von der unterschwelligen Frage nach privater Zukunfts- und Familienplanung. WTF! Ein seltsames Gefühl bringt spätestens jetzt die unausweichliche Frage hervor, ob der Kollege mit einem männlichen Bewerber meiner Altersgruppe genauso gesprochen hätte. Ich fühle mich äußerst unwohl.  

Wir beenden das Gespräch, ich frage, wann wir über Konditionen sprechen. “Ah, mach das mit HR.“, sagt der Kollege etwas peinlich berührt und bringt mir somit wenig bis keine Wertschätzung entgegen. Niemand hatte mich bisher gefragt, was ich mir wert sei. Umso überraschender dann meine Antwort für den armen HR Boy. Nach eingehenden Recherchen nenne ich die wohlüberlegte, marktgerechte und in meinen Augen der Rolle entsprechende Summe X. Einige Tage verstreichen, HR Boy meldet sich und sagt: “X können wir nicht machen auf Grund des Alters und der Erfahrung, wir bieten Y.” Ich entgegne: “Ist mir zu wenig und stellt mich unterm Strich schlechter als heute, meine Schwelle liegt bei Z.” Was danach passiert? Ich werde professionell geghostet! No shit, meine Forderung wird vom potentiellen Boss als ‘jenseits von Gut und Böse‘ in unterschiedliche Richtungen ‘gegossipt‘ und ich bin plötzlich Opfer von Gehalts-Shaming. Ich soll mich schlecht fühlen für meine Gehaltsvorstellung und kriege vermittelt, mich erklären zu müssen. Eine persönliche Frage nach Beweggründen für Summe X folgt nicht. Und wer nun denkt, diese Summe sei vergleichbar mit dem Einkommen der Geissens, täuscht. Doch darum geht es nicht: Ich habe Männer erlebt, die halb so viel leisten und absurde Forderungen nach mehr Geld, Beförderung und Anerkennung äußern. Was ich hingegen noch nie erlebte ist, dass diese Männer für solch absurde Forderungen verurteilt, belächelt oder gar mit negativen Konsequenzen konfrontiert wurden. Auf unprofessionellste Weise wurde mein Selbstbewusstsein hingegen sofort als ‘frech’ abgetan und mir die Ernsthaftigkeit hinter meinem Rücken abgesprochen. Ich verstehe langsam, was es mit zumindest ungleicher Einstellung gegenüber Frauen und geleisteter Arbeit auf sich hat.  

Die Konsequenz: Ob Mindestlohn oder Topmanager-Gehalt – uns Frauen das Gefühl zu geben, dass wir das Geld nicht wert sein können, stinkt zum Himmel. Ich, nun in der Rolle des frechen Mädchens, sage den Job also ab und bekomme gratis eine Portion Mansplaining (die nun wirklich nicht Teil meines Gehaltswunsches war): “Ein Rat von mir, weißt du: Wenn du zu viel verdienst, machst du dich schnell unbeliebt.” Danke, Jungs!

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Job Jungle

Wie eine Gehaltsverhandlung NICHT laufen sollte

Es geht ums Prinzip. Das Prinzip esse, trinke, atme und lebe ich seitdem ich denken kann. Und wehe, es geht nicht fair zu. Dann werde ich zur Märtyrerin, zu Darkwing Duck, zu Robin Hood für die in meinen Augen Benachteiligten. Vordrängeln beim Bäcker macht mich wütend ebenso wie die strukturelle Ungleichverteilung von Kapital in unserer westlichen Welt. Mit Vollgas in Rage gerate ich außerdem in beliebten Diskussionen über die (Un-)Gleichberechtigung der Frau und bei zu viel Luft in teuren Chipstüten. All diese Umstände haben eines gemein: Es geht nicht um mich. Es geht um die Allgemeinheit, um Frauen, Kinder, SeaWorld-Delfine, Kollegen und die Umwelt. Sofort würde ich Prügel in Kauf nehmen, um in einer fiesen Fieslingssituation jemandem beizustehen. Was passiert also in meinem Kopf, wenn mir selbst etwas vermeintlich Unfaires widerfährt? Ich werde klein mit Hut, wenn ein Handwerker zu viel Geld verlangt, wenn statt bestellten Fritten nur Kartoffeln auf dem Teller liegen, wenn andere sich vordrängeln oder – und hier präsentiere ich den Anlass dieses Artikels – wenn im Job Gehälter zu meinen Ungunsten verhandelt werden.

Folgende Situation hat mich nun zur 360° Selbstreflexion gezwungen

Du machst’nen super Job hier im Projekt, wir würden dir gern eine Stelle als whatever-Manager anbieten, Gehalt liegt bei XYZ Euro* im Jahr. Kannst du dir vorstellen, für uns zu arbeiten?“ (*Anmerkung zu XYZ Euro im Jahr: Hierbei handelt es sich bereits um eine unverschämt hohe Summe, die 30-jährige Frauen für gewöhnlich zu Unrecht in Selbstzweifel-Endlosschleifen katapultiert und für die es ein männliches Maßlos-Ego bedarf, sie überhaupt einzufordern. ABER – und hier das Dilemma – vergleichbare Kollegen bekommen wissentlich mehr Geld.)

Ich antworte, sichtlich geehrt von diesem Zugeständnis an meine Kompetenz und hier beginnt die Talfahrt.

Akt 1 | Die eigenen Fähigkeiten unterschätzen

Den ersten Fehler begehe ich direkt. Ich hinterfrage, wie ein solches Angebot denn überhaupt für mich gedacht sein kann. Irrtum? Verwechslung? In meinem Kopf spielt ein Film, in dem mindestens zehn ‚viel geeignetere Kollegen‘ diese Stelle bereits abgelehnt haben müssen und ich die Notbesetzung bin. Damit werte ich unterbewusst nicht nur das Angebot ab, ich verkenne außerdem die Tatsache, dass ich bereits seit mehreren Jahren das Schiff aka. Team erfolgreich vor dem Untergang bewahre. Entsprechend submissiv fällt meine Antwort aus:

Eh, ja, prinzipiell kann ich mir das natürlich vorstellen. Welch eine Ehre, dass ihr auf mich zukommt.“ (facepalm.)

Sichtlich gebeutelt von diesem Gesprächseinstieg merke ich, dass meine Verhandlungsposition verbesserungswürdig ist. Ich frage mich also: Was hätte ich stattdessen sagen können?

Danke für das Angebot und das Vertrauen. Lass uns gern bei Gelegenheit über Aufgaben und Rahmenbedingungen sprechen, vielleicht finden wir irgendwann zueinander. Ich schau‘ es mir mal an.“ (So unverbindlich wie eine lose Verabredung mit Bekannten, die jederzeit einer weitaus besseren Option zum Opfer fallen kann.)

Akt 2 | Die Rolle der Bittstellerin

Mir werden also die Rahmenbedingungen aufgelistet als indiskutable Fakten, mit denen ich mich entweder abfinden kann oder nicht. Doch… moment mal: Wolltet IHR nicht vor rund einer Minute MICH für diese Rolle haben? Wann und vor allen Dingen wie ist es passiert, dass ich in der Position der Bittstellerin gelandet bin? Ich habe mich nicht proaktiv beworben und verspüre bis zu diesem Zeitpunkt kein Gefühl unermesslicher Dankbarkeit, zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden zu sein. Dies ändert sich schnell, denn zaghaft versuche ich nach dem zugegeben schwachen Einstieg am Händlerbasar teilzunehmen und sage:

Wie wär’s mit XYZ + ABC Euro?“ (Haha really? Kann ja gar nicht klappen, du Dummbatz!)

Ne, also ich würde echt Ärger mit HR bekommen, wenn ich angesichts deiner geringen Erfahrung ein so hohes Gehalt ansetzen würde.“ (Häh? IHR habt doch immernoch MICH gefragt?)

Ich erkenne, dass ich mich unwohl fühle in meiner Gesprächsposition und wünsche mir einen der vier Superhändler herbei, um diese verzwickte Situation aufzulösen (am liebsten den lustigen Rheinländer). Alternativ auch gern dieses „Gedächtnis-Auslösch-Dingens“ von Men in Black, um nochmal von vorne anfangen zu können. Ich schaffe es nicht, mein sonst so aufdringliches Selbstbewusstsein zu verwerten und meine Forderung sinnvoll zu versprachlichen – dabei ist mir klar, was ich will: Mehr Geld als mir geboten wird – aus Prinzip (hier schließt sich der Kreis)!

Akt 3 | Die Vermenschlichung der Organisation

Fakt ist doch: Unabhängig von meiner Person gibt es eine offene Stelle in einem Großkonzern, die mit einer ganzen Stange an Verantwortung einhergeht. Exakt dieselben Rollenprofile werden derzeit zu 95% von Männern mittleren Alters belegt. Von diesen 95% mangelt es mindestens der Hälfte an langfristigem Engagement, Manieren oder beidem (No shit! Ich bin schon seit drei Jahren als Beraterin dabei). Die offene Stelle stereotypisch zu besetzen mit einem Mann Mitte 50 würde bedeuten, ein mindestens doppelt so hohes Gehalt zahlen zu müssen wie das, was mir angeboten wird. Die Organisation, welche sicherlich von Menschen getrieben wird, räumt also ein Budget ein, welches mir nach oben hin verwehrt bleibt, weil…. warum eigentlich? Weil ich jung bin? Oder eine Frau, die zu nett ist, ihre Forderungen an erste Stelle zu setzen? Weil ich nicht klar formulieren kann, warum ich jeden Cent wert bin?

Würde ich mich darauf einlässen, wäre ich die „Buy 1 – get 1 free“ Mitarbeiterin, die die unermüdliche Work-Work-Balance über Jahre hinweg bereits unter Beweis gestellt hat. Ich wäre die gekaufte Katze im durchsichtigen Sack, die keine Überraschungen mehr bereithält, da sie den buckligen Arbeitsrücken schon perfektioniert. Ich wäre die Gut & Günstig Variante ganz unten im Manager*innen-Regal mit gleichem Inhalt in derselben Qualität, nur weniger hochwertig verpackt. Ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Ich merke, dass ich im Verhandlungsgespräch aber nicht nüchtern die Organisation mit ihren offensichtlichen Motiven betrachte, sondern nur meinen Gegenüber sehe, der in diesem Fall das Sprachrohr ist. Mein People-Pleaser-Gen lässt mich an meine Grenzen stoßen, da ich es als unhöflich, aufdringlich und dreist empfinde, die oben angeführten Argumente auf den Tisch zu legen. Ich beschließe, das Gespräch zunächst mit einem relativ offenen Ausgang ruhen zu lassen, darüber nachzudenken und einen neuen Anlauf zu nehmen (vor welchem ich mir so hart den Rocky-Soundtrack reinziehe und mich durch ein paar motivational quotes klicke – „don’t limit your challenges, challenge your limits“ oder so). Ihr hört von mir!